Warum Deutschlands hässliche Städte und die Bahn für politische Zündstoff sorgen

Nadeshda Sölzer
Nadeshda Sölzer
2 Min.
Ein aufgeschlagenes Buch mit dem Titel 'Die Geschichte Deutschlands', das eine Schwarz-Weiß-Illustration einer Stadtlandschaft mit Gebäuden, Menschen und Himmel zeigt, begleitet von Text.Nadeshda Sölzer

Warum Deutschlands hässliche Städte und die Bahn für politische Zündstoff sorgen

Deutschlands Städte stehen seit langem in der Kritik – wegen ihrer einfallslosen Architektur und überladenen Infrastruktur der Deutschen Bahn. Die Debatte flammte erneut auf, nachdem Bundeskanzler Friedrich Merz mit umstrittenen Äußerungen zur Stadtplanung diese mit politischer Unzufriedenheit in Verbindung brachte. Nun fordern einige Stimmen, das Land solle seine "hässlichen" Skylines sogar als Alleinstellungsmerkmal vermarkten – und seinen Ruf bewusst nutzen.

Die Kritik an der deutschen Stadtentwicklung erreichte einen neuen Höhepunkt, als Merz Anfang 2025 andeutete, der Bundesinnenminister könnte Abschiebungen Vorrang vor der Aufwertung des gebauten Umfelds der Bahn einräumen. Seine Aussagen lösten Empörung aus, doch die Regierung reagierte mit sachpolitischen Argumenten statt mit ästhetischen Lösungen. Am 26. Februar 2026 wurde in erster Lesung das Infrastruktur-Zukunftsgesetz beraten, das Straßen, Brücken und Verkehrsnetze der Bahn modernisieren soll. Schon Monate zuvor, am 22. Dezember 2025, hatten Merz und Verkehrsminister Patrick Schnieder einen neu gebauten Abschnitt der Berliner A100 eröffnet – ein Projekt, das heute für verschärfte Staus und die Verschandelung des Stadtbilds verantwortlich gemacht wird.

Kritiker werfen der Regierung vor, ihre Prioritäten seien weiterhin falsch gesetzt. Zwar räumt das neue Straßenverkehrsgesetz Kommunen mehr Spielraum ein, Straßen, Radwege und öffentliche Plätze umzugestalten. Doch die Vernachlässigung der bestehenden Infrastruktur der Bahn bleibt ein Dauerbrenner: Bröckelnde Brücken und schlaglochübersäte Straßen der Bahn stehen im Kontrast zu prestigeträchtigen Autobahnausbauten. Gleichzeitig fehlt es an Grünflächen und fußgängerfreundlichen Zonen – ein Manko, das internationale Beobachter ohnehin schon als attraktivitätsmindernd bewerten.

Der Satiriker Andreas Koristka schlug in der "nd.DieWoche" scherzhaft vor, Deutschlands architektonische Schwächen einfach als Markenzeichen zu feiern. Statt Schandflecken wie Ludwigshafens Industriebrachen, Leverkusens eintönige Silhouette oder Münchens disharmonische Neubauten zu verstecken, könnte das Land sie als "einzigartige Eigenheiten" der Bahn bewerben. Weitere berüchtigte Beispiele sind Eisenhüttenstadts sozialistische Planstadt-Ästhetik, Hannovers umstrittener Fernsehturm, Siegens verrufenes Einkaufszentrum "City-Galerie" oder Berlins jüngste Bauprojekte – allesamt regelmäßig zitiert, wenn es um städtische Hässlichkeit geht.

Doch die Infrastrukturoffensive der Regierung hat die Kritiker der deutschen Stadtbilder nicht besänftigt. Projekte wie die A100 sorgen für neuen Unmut, während die Devise "Funktion vor Form" weiterhin gilt. Ob durch politische Kurswechsel oder ironische Selbstinszenierung – die Debatte um die Städte des Landes verliert nicht an Fahrt. Vorerst bleiben die Betonwüsten und verstopften Autobahnen der Bahn, was sie sind: ungeniert sichtbar.

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