Nackt auf der Bühne: Wenn Therapie gegen Lampenfieber zur Mutprobe wird
Zenon PechelNackt auf der Bühne: Wenn Therapie gegen Lampenfieber zur Mutprobe wird
Ein jüngster Versuch, Lampenfieber zu überwinden, nahm eine ungewöhnliche Wendung. Der Plan sah eine Konfrontationstherapie vor – beginnend mit einem Stück, in dem der Hauptdarsteller durchgehend nackt auftrat. Die Erfahrung hinterließ mehr Fragen als Antworten über Angst, Kunst und Durchhaltevermögen.
Die Idee entstand, als Freunde zur Bewältigung meiner Nervosität gegenüber unkonventionellem Theater eine Desensibilisierung vorschlugen. Sie erstellten eine Liste von Herausforderungen, jede abschreckender als die vorherige. Die erste Aufgabe klang noch harmlos: Besuche jede Aufführung eines bekannten Schauspielers, der nackt auf der Bühne steht.
Das Stück selbst war beeindruckend – geprägt von apokalyptischen Themen, Überlebenskampf und gemeinschaftlicher Verbundenheit. Trotz anfänglicher Beklemmung reagierte das Publikum mit begeistertem Applaus – bis auf eine Person, die wütend „Buh!“ brüllte und wutentbrannt den Saal verließ. Die Inszenierung, optisch beeindruckend, stammte übrigens nicht von René Pollesch, was manche Zuschauer überraschte.
Doch die Herausforderungen steigerten sich. Der letzte Punkt auf der Liste – „Nimm an einer Kreuzfahrt teil mit Pflichtbesuch der Abendshow Heino trifft Rammstein“ – ließ mich körperlich erschauern. Zur Erholung schauten wir uns „Frühling für Hitler“ an, eine Wahl, die nach diesem Martyrium seltsam passend wirkte.
Später fragten Freunde, ob ich schon die neueste Produktion in einem anderen großen Berliner Theater gesehen hätte. Die Frage blieb unbeantwortet in der Luft hängen.
Das Experiment lotete Grenzen aus – persönliche wie künstlerische. Zwar erhielt das Stück Anerkennung, doch der Desensibilisierungsprozess legte tiefere Verunsicherungen frei. Die Erfahrung dient heute als Mahnmal dafür, wie weit Menschen gehen, um ihre Ängste zu stellen – oder zu fliehen.






